Der Anfang in Dartmouth
Am Dartmouth College in New Hampshire entwickelten die Mathematikprofessoren John Kemeny und Thomas Kurtz Anfang der 1960er-Jahre eine neue Programmiersprache – nicht fuer Fachleute, sondern fuer Studierende aller Fachrichtungen. Programmieren war damals fast ausschliesslich Spezialisten vorbehalten, die in Maschinensprache oder umstaendlichen Stapelverarbeitungs-Systemen arbeiteten und oft stundenlang auf ein Ergebnis warten mussten.
Kemeny und Kurtz wollten das aendern. Zusammen mit einem Team von Studierenden bauten sie das Dartmouth Time-Sharing System (DTSS), das mehreren Personen gleichzeitig einen direkten, interaktiven Dialog mit dem Rechner erlaubte – und dazu die passende Sprache: BASIC, kurz fuer Beginner's All-purpose Symbolic Instruction Code. In den fruehen Morgenstunden des 1. Mai 1964 liefen die ersten BASIC-Programme auf einem Grossrechner der Reihe GE-225 – der Ueberlieferung nach sogar mehrere gleichzeitig, um genau das Time-Sharing-Prinzip zu beweisen, um das es den Erfindern ging.
Kemeny und Kurtz verzichteten bewusst auf ein Patent und stellten BASIC anderen Hochschulen kostenlos zur Verfuegung. Diese Offenheit war einer der Gruende, warum sich die Sprache in den folgenden zehn Jahren an unzaehligen Universitaeten und Schulen verbreitete – lange bevor es ueberhaupt Heimcomputer gab, auf denen man haette selbst programmieren koennen.
1975Vom Grossrechner in die Garage
Elf Jahre spaeter war BASIC an vielen amerikanischen Colleges bereits Lehrstoff. Im Januar 1975 erschien auf dem Titelblatt des US-Magazins Popular Electronics ein Bausatz-Computer, der alles veraendern sollte: der Altair 8800 der Firma MITS, einer der ersten fuer Privatpersonen erschwinglichen Mikrocomputer. Er hatte weder Tastatur noch Bildschirm, nur Schalter und Lampen. Programmiert wurde er im Auslieferungszustand ausschliesslich in Maschinencode.
Zwei junge Programmierer, Bill Gates und Paul Allen, erkannten die Chance und schrieben – mit Unterstuetzung von Monte Davidoff fuer die Gleitkomma-Mathematik – einen BASIC-Interpreter fuer den Altair, ohne vorher an echter Hardware getestet zu haben. Die erste Vorfuehrung bei MITS lief der ueberlieferten Geschichte nach tatsaechlich schon beim ersten Versuch. Aus diesem Projekt heraus gruendeten Gates und Allen im April 1975 die Firma Micro-Soft, spaeter Microsoft. Altair BASIC war ihr allererstes Produkt.
1977BASIC erobert die Heimcomputer
1977 gilt vielen als eigentliches Geburtsjahr des Heimcomputers: Mit dem Commodore PET 2001, dem Apple II und dem TRS-80 kamen im selben Jahr gleich drei bis heute als "1977 Trinity" bezeichnete Systeme auf den Markt – alle mit BASIC direkt im ROM, sofort einsatzbereit beim Einschalten.
Commodore lizenzierte fuer den PET dasselbe Microsoft-BASIC, das schon fuer den Altair geschrieben worden war. Eine Anekdote, die in vielen Buechern zur Computergeschichte auftaucht: Firmenchef Jack Tramiel soll mit Bill Gates statt laufender Lizenzgebuehren pro verkauftem Geraet eine einmalige Pauschalzahlung ausgehandelt haben – kolportierte Summe: rund 25.000 US-Dollar fuer ein unbefristetes Nutzungsrecht. Ob diese Zahl exakt stimmt, laesst sich im Nachhinein nicht mehr zweifelsfrei belegen. Fakt ist aber: Auf dieser Grundlage lieferte Commodore ueber Jahre hinweg Millionen Geraete mit Microsoft-BASIC aus, ohne dafuer je wieder zu bezahlen. Bill Gates soll diesen Deal spaeter selbst als einen der teuersten Fehler der fruehen Microsoft-Geschichte bezeichnet haben.
1982Der Commodore 64 und BASIC V2
Als der Commodore 64 im Sommer 1982 auf den Markt kam, brachte er genau dieses BASIC mit – genauer: BASIC V2, dieselbe Version, die schon im kleineren VIC-20 steckte, nur an die neue Hardware angepasst. Fuer viele Kaeuferinnen und Kaeufer war das ein Widerspruch: Der C64 hatte mit dem VIC-II einen fuer die Zeit beeindruckenden Grafikchip und mit dem SID einen der besten Soundchips seiner Generation – doch BASIC V2 kannte dafuer keine eigenen Befehle. Wer Sprites bewegen, Farben setzen oder Musik programmieren wollte, musste PEEK und POKE benutzen und Speicheradressen aus dicken Handbuechern abtippen, statt sprechende Befehle wie SPRITE oder SOUND zu nutzen.
Warum das so war, wird bis heute unterschiedlich erzaehlt: mal mit Kostendruck, mal mit Zeitdruck vor dem Marktstart, mal schlicht damit, dass die Microsoft-Lizenz genau dieses BASIC ohne Aufpreis hergab. In jedem Fall ist genau diese Luecke – Grafik und Sound nur ueber PEEK und POKE erreichbar – bis heute das Merkmal, an das sich fast alle erinnern, die C64-BASIC gelernt haben. Und es ist der Grund, warum auch der Lernkurs auf dieser Seite POKE und PEEK zu einem eigenen Block macht: Genauso hat man es 1982 tatsaechlich gemacht.
Trotz – oder gerade wegen – dieser Ecken und Kanten wurde der C64 zum laut Guinness-Buch der Rekorde meistverkauften Einzelcomputermodell aller Zeiten. Wie viele Geraete exakt verkauft wurden, ist bis heute umstritten: Seriƶse Schaetzungen reichen von rund 12 bis ueber 17 Millionen, gelegentlich kursieren noch hoehere Zahlen, die von Historikern allerdings angezweifelt werden.
Nebenbei: 1984 verliess Jack Tramiel Commodore nach internen Konflikten mit den Hauptanteilseignern und kaufte kurz darauf die Heimcomputersparte von Atari – ein Wechsel, der die "Heimcomputer-Kriege" der 80er noch persoenlicher machte, als sie es ohnehin schon waren.
War BASIC schaedlich? Der Streit um Dijkstra
Nicht jeder war begeistert von BASICs Erfolg. 1975 veroeffentlichte der niederlaendische Informatiker Edsger W. Dijkstra, einer der einflussreichsten Kritiker unstrukturierter Programmierung, den Aufsatz "How do we tell truths that might hurt?" – mit einem Satz, der bis heute zitiert wird:
"It is practically impossible to teach good programming to students that have had a prior exposure to BASIC: as potential programmers they are mentally mutilated beyond hope of regeneration."
Edsger W. Dijkstra, 1975
Sein Hauptvorwurf: Die BASIC-Dialekte jener Zeit kannten kaum mehr als Zeilennummern und GOTO-Spruenge, was schnell zu unuebersichtlichem "Spaghetticode" fuehrte und – so Dijkstras These – schlechte Programmiergewohnheiten einuebte, die sich spaeter nur schwer wieder ablegen liessen.
Der Vorwurf traf einen wunden Punkt und befeuerte eine jahrzehntelange Debatte um "strukturierte Programmierung". Gleichzeitig zeigte die Praxis etwas anderes: Gerade die Kombination aus Zeilennummern, GOTO und GOSUB, die Dijkstra kritisierte, war fuer viele Einsteigerinnen und Einsteiger genau der niedrigschwellige Zugang, den Kemeny und Kurtz sich urspruenglich gewuenscht hatten. Beides stimmt gleichzeitig: BASIC in seiner urspruenglichen Form ist fuer grosse, wartbare Software denkbar ungeeignet – und war zugleich fuer eine ganze Generation der erste Ort, an dem Programmieren ueberhaupt Spass gemacht hat.
Niedergang und Wiedergeburt
Mit dem Ende der 8-Bit-Aera in den spaeten 1980er-Jahren verlor BASIC an Boden. Neue Heimcomputer und PCs mit grafischen Betriebssystemen brauchten andere Werkzeuge, professionelle Software wurde zunehmend in C oder Pascal geschrieben, spaeter dominierten objektorientierte Sprachen. In der MS-DOS-Welt lebte BASIC in Form von GW-BASIC und ab 1991 QBasic weiter, mit dem eine ganze Generation von PC-Nutzern das Programmieren lernte.
Im selben Jahr 1991 veroeffentlichte Microsoft Visual Basic – keine direkte Weiterentwicklung des alten Zeilennummern-BASIC, aber ein Sprachname mit Tradition, der BASIC-Konzepte mit grafischer Windows-Programmierung verband und ueber Jahre zu einer der meistgenutzten Sprachen fuer Business-Software wurde.
Parallel dazu ist BASIC nie ganz verschwunden: In der Retro-Computing- und Demoszene wird bis heute auf echten oder emulierten 8-Bit-Rechnern programmiert. Besonders beruehmt wurde ein einziger Zeilencode fuer den C64, der mit einem Zufallsbefehl ein sich staendig veraenderndes Rautenmuster auf den Bildschirm zaubert – ihm widmeten mehrere Informatik- und Medienwissenschaftler 2012 sogar ein ganzes Buch. Ein einzeiliges BASIC-Programm als Gegenstand akademischer Forschung: Das haetten wohl weder Kemeny und Kurtz noch Commodores Ingenieure 1982 erwartet.
Warum wir heute noch BASIC lernen
Genau dieser einfache Einstieg ist auch der Grund fuer diesen Kurs. BASIC zwingt dich nicht, vorher Build-Tools, Frameworks oder Ordnerstrukturen zu verstehen. Du tippst PRINT "HALLO WELT", drueckst RUN, und der Rechner antwortet sofort – fast genau wie 1964 in Dartmouth, nur eben auf dem Bildschirm eines Commodore 64. Das macht BASIC didaktisch bis heute wertvoll, auch wenn kaum noch jemand grosse Software damit schreibt: Es zeigt in wenigen Zeilen, was ein Programm im Kern ist – eine Folge von Schritten, die der Rechner brav der Reihe nach abarbeitet.
Wenn du das lieber gleich an fertigen Beispielen nachvollziehen willst statt an graue Theorie: Auf der Seite BASIC-Programme zum Abtippen warten 14 kleine Listings zum Nachtippen und Ausprobieren.
Zeitstrahl im Ueberblick
- 1964BASIC entsteht am Dartmouth College, erdacht von John Kemeny und Thomas Kurtz.
- 1975Altair BASIC erscheint, Bill Gates und Paul Allen gruenden Microsoft.
- 1977PET, Apple II und TRS-80 bringen BASIC in die ersten Heimcomputer.
- 1982Der Commodore 64 erscheint mit BASIC V2 im ROM.
- 1991QBasic und Visual Basic loesen das klassische Zeilennummern-BASIC ab.
- 2012Ein einzeiliges C64-BASIC-Programm wird zum Thema eines wissenschaftlichen Buchs.
- HeuteRetro-Computing, Demoszene und Kurse wie dieser halten BASIC lebendig.